Einen Tag nach dem letzten Eintrag ist meine Tante gestorben. Seitdem gingen mir etliche Kindheitsgeschichten, die ich mit ihr und den Menschen, die mir als meine Großeltern vorgestellt worden waren (siehe letzten Eintrag) durch den Kopf. Immer wenn ich in das Dorf Gerthausen (Rhön) kam, wurde meine Großmutter aus ihrem Bett in den ersten Stock des Hauses ausquartiert. Ich lag dann in ihrem Bett und ließ mir zum Einschlafen Geschichten von meinem Großvater erzählen. Mein Großvater war 1897 geboren worden und hatte sich 1914 ein Jahr älter geschwindelt, um den 1. Weltkrieg nicht zu verpassen. Den verbrachte er dann bei der Artillerie und kam zum Kriegsende sogar bis nach Venedig, was wiederum (siehe letzten Eintrag) seine weiteste Reise war. Eine wunderbare Kriegsgeschichte war die vom Kaiser. Mein Großvater erzählte mir, dass sich bei seinem Regiment der Kaiser zu Besuch angesagt hatte. Also wurden tagelang Kanonen, Gewehre, Leute, Pferde und Uniformen geputzt. Dann, am Morgen des großen Tages, hieß es, "Antreten". Dann wurde stundenlang in banger Erwartung still gestanden, bis in eine Staubwolke gehüllt, eine Wagenkolonne vorbeiraste und wieder verschwand.
Mein Großvater hatte auch den 2.Weltkrieg mitgemacht. Inzwischen war er Schneider geworden. Diesem Handwerk ging er dann auch bei der Armee nach. Die letzten Kriegsmonate verbrachte er als Schaffner. Als der Krieg zu Ende war, war mein Großvater irgendwo in Norddeutschland. Er marschierte schnurstracks nach Hause, um festzustellen, dass seine Familie weg war, die Wohnung abgebrannt, die Goldmünzen geschmolzen und im Boden versickert und die Russen da waren. Er nähte eineinhalb Jahre für die Russen Uniformen. Als ein Offizier ihm vorschlug, gemeinsam in Sibrien eine Schneiderei aufzumachen, war es Zeit für meinen Großvater, aus dem nunmehrigen Ausland in die etwas geschrumpfte Heimat zu verschwinden. Er schneiderte dann in dem 400-Seelen-Dorf weiter. Als Kind fiel mir dann irgendwann auf, dass die ganzen Bauern in dem Dorf an der Arbeit wenn auch verdreckte, so doch Maßanzüge anhatten. In einem solchen, und zwar sauber, wurde mein Großvater dann auch begraben, als er 1977 starb.
Meine Großmutter fiel mir dadurch angenehm auf, dass sie für mein Lieblingsgericht Tomatensuppe immer jede Tomate einzeln durchs Sieb rührte. Und immer, wenn nachts Gewitter war, was in der Rhön grade im Sommer ziemlich oft vorkommt, stand sie aus dem Bett auf, zog sich an, und setzte sich mit ihrer Handtasche mit allen wichtigen Papieren auf die Treppe und wartete, bis das Gewitter zu Ende war. Mir erklärte sie, dass sie das schon zu Hause in Schlesien so gemacht habe, wenn die Bomber kamen.
Schon als Kind merkte ich, dass meine Tante und meine Großeltern irgendwie aus der Zeit gefallen waren. Da fiel es auch nicht weiter ins Gewicht, dass direkt vor dem Haus ein Schild mit "Grenzgebiet Sperrzone Betreten verboten" stand und es nachts hinter dem Haus öfter mal knallte, woraufhin mir erklärt wurde, dass sicher wieder ein Wildschwein auf eine Mine gelaufen sei.
So möge meine Tante in Frieden ruhen GAPD
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