Tante Erika

Meine Tante liegt im Sterben. Eigentlich ist sie gar nicht meine Tante. Meine Mutter wurde 1935 in Schlesien als Jüngste von sieben Kindern geboren. Als sie zwei Jahre alt war, starb ihr Vater. Das war dann der Anlaß, dass ihre Mutter sie zu einer Cousine in Pflege gab. Mein Großvater mütterlicherseits soll übrigens in seiner Eigenschaft als Gastwirt immer nach Dienstschluß besoffen aus der Kneipe nach Hause kutschiert sein, dies manchmal stehend und laut singend. Eines Tages fiel er dann vom Kutschbock und überfuhr sich selbst bzw. seinen Schädel. Er überlebte zwar, war aber nicht mehr so ganz bei sich. Ein paar Monate später meldete sich dann der Arzt der Familie aus Breslau und empfahl, den schwer hirnverletzten Großvater doch lieber nach Hause zu nehmen, weil so nach und nach die ganzen Schwerkranken  und geistig Behinderten verschwanden, im Jahre 1938. Kurze Zeit später starb mein Großvater dann. Deshalb konnte er auch nicht mehr die Flucht aus Schlesien vor "den Russen" mitmachen. Als ich Kind war, wurde mir vom arschkaltem Winter 1945, der im Federbett eingewickelten Großmutter, dem zugefrorenen Fluss Neiße und dem Beschuß durch tieffliegende Flugzeuge erzählt. Ich stellte mir dann immer einen endlos breiten Fluß vor, so zwei Mal Donau in Budapest, als Eiswüste mit aufgetürmten Schollen, hinter denen Handwagen mit Federbetten und Großmüttern geparkt wurden, und überall Eisfontänen vom Beschuß durch Bordkanonen von um sich selbst rotierenden Jagdflugzeugen.
Vor einen paar Jahren stand ich in der Lausitz an der Neiße und war total enttäuscht. Mit etwas Anlauf häte ich, als ich noch Leichathletik trainierte, drüber weg springen können.
Meine Tante bzw. Großcousine (meine Mutter weigerte sich strikt, zu ihrer eigentlichen Familie zurück zu gehen) machte damals die weiteste Reise ihres Lebens. Erst nach Breslau, dann ins damalige Sudetenland, dann nach Sachsen und zum Schluß in die Thüriger Rhön. Da blieb sie dann und verreiste nie wieder, außer manchmal nach Leipzig zu uns.
Vor kurzem, als es ihr noch gut ging, erzählte ich ihr, dass ich grade aus Chemnitz käme, worauf sie meinte: "Da war ich auch schon." Und ich: "Wann denn das?" Und sie: "Na, da waren wir doch auf der Flucht!"
Ich bin traurig, dass meine Tante stirbt und mit ihr ihre skurrile Welt.
GAPD

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